Manifesta 16 Ruhr – Essen und Gelsenkirchen

Seit dreißig Jahren gibt es diese Kunstbiennale, die durch Europa wandert und alle zwei Jahre in einem anderen Land stattfindet. Ich glaube, ich bin 2018 zum ersten Mal auf sie aufmerksam geworden, da fand sie in Palermo statt und ich wäre gerne hingefahren, aber irgendwie war das zu knapp. Zwei Jahre später wollte ich unbedingt nach Marseille, ich hatte schon Reiseführer gekauft, mich eingelesen und war kurz davor zu buchen – dann kam COVID.

Pristina hatte mich jetzt nicht so gereizt und 2024 ging irgendwie nicht bei mir (Zeit, Wetter, Geld), aber dieses Jahr endlich! Wie praktisch, dass die Manifesta 16 (noch bis zum 4. Oktober) im Ruhrgebiet ist. Ich hatte die Möglichkeit, mein Basecamp in Essen aufzuschlagen und trotzdem – 12 Locations in vier Städten –  war es eine ziemliche Rumgurkerei, aber bis auf eine habe ich alle geschafft.

Fast alle Locations sind ehemalige Nachkriegskirchen, frisch, oder schon länger entweiht, manche noch “in Betrieb”, einige im Umwandlungsprozess. Immer eine Einladung, ein Dritter Ort zu sein oder zu werden. Zum Großteil sind es auch architektonisch fantastische Bauten und ganz zufällig war meine erste (St. Marien, Essen Karnap) und letzte Location (Kulturkirche Liebfrauen, Duisburg)  umwerfende Raumerlebnisse, wo ich fast Schnappatmung bekam.

Hier gibt es einen grundsätzlichen Text zur Manifesta und zu dem Konzept “This is not a church (Das ist keine Kirche).

Von dem umfangreichen Rahmenprogramm habe ich nichts mitgekriegt, ich habe nur die Kirchen und Ausstellungen angeguckt. Ach ja, ganz wichtig: Der Eintritt ist überall frei!

Essen

St. Marien

Die ehemalige Kirche St. Marien in Essen Karnap wurde zwischen 1961 und 1963 vom Architekten Hans Schilling errichtet. Ein riesiger Innenraum ohne Möbel. Ein irres Raumerlebnis. Ich dachte zuerst, cooler monolithischer Altar, erfuhr dann aber, dass es sich um die Abdeckung des Altars handelt.

Leider ist der Innenraum voller Wasserschäden, weil wohl irgendwelche Honks irgendwann das Kupferdach geklaut haben. Die Kirche wurde 2019 profaniert. Die Buntglasfenster entwarf der  Kölner Bildhauer, Maler und Zeichner Manfred Ott.

Der Raum ist recht dunkel und durch die große Bodeninstallation in der Raummitte von Jason Dodge, und der Installation aus alten (Kirchen-) möbeln und bänken von Jarosław Kozłowski wirkt alles sehr strubbelig und unaufgeräumt. Die Skulpturen von Alicja Kwade und das Birkenkreuz von Katharina Fritsch passen auch gut dazu.

Gleich unter der Orgel hat William Engelen aus 144 Metallrohren die benutzbare Installation “Variation on Godspeed in 4/4 Time” erstellt. Die hätte ich gerne mit jemandem zusammen länger gespielt.

Wegen der Unsichtbarkeitsmaschine aka VG Bild kann ich hier nur wenige Fotos von der Kunst zeigen.

St. Gertrud

So eine Kirche habe ich noch nie gesehen. Man muss erst zwei große Treppen hochsteigen, um in den Kirchenraum zu kommen. Darunter befindet sich also noch ein Raum, der aber wohl von der Rückseite aus zugänglich ist.

Die Kirche wurde 1877 errichtet und 1955 von Emil Jung wiederaufgebaut. 2025 fand hier der letzte Gottesdienst statt und zur Zeit wird die Kirche zu einem Zentrum für Kunst, Kultur und Bildung umgebaut und die Hbk Essen ist hier eingezogen. Als ich den großen Raum betrat, haben sich mir die abgetrennten Bereiche , die man nicht betreten durfte, nicht erschlossen. Erst von der Empore aus konnte ich sehen, dass hier kleine Ateliers untergebracht sind. Als ich später einen kleine Runde um den Block gelaufen bin, sah ich, dass auch einige leerstehende Geschäfte von der HBK genutzt werden. Daran könnten sich andere Städte mal ein Beispiel nehmen. So könnten tote Innenstädte nämlich auch belebt werden, wenn man in den Leerständen Studierenden oder KünstlerInnen und anderen Kreativen dort – zumindest temporär – Arbeitsplätze zur Verfügung stellte.

Ganz wunderbar fand ich die Arbeit „Elevation“ von Nasan Tur. Auf dem Altar standen Kirchenbänke aufrecht. Die Besuchenden waren aufgefordert, einige Fragen zu beantworten und die Zettel in eine Box zu tun. Das, was darauf stand, wurde quasi in live-Performance in die Kirchenbänke geritzt. Sofort denkt man natürlich daran, dass wir das alle früher mal, zumindest in der Schule, auch gemacht haben.

Sehr smart ist auch die Arbeit von Pravdoliub Ivanov, der ein bestehendes Buntglasfenster mit ein paar Farbfolien und Zahlen zu einem Thermometer verwandelt hat.

Markuskirche

Ein herrlicher Bau, mitten in einem Wohngebiet in Essen-Frohnhausen, 1961-1963 von Wolfgang Müller-Zantop & Heinz Kahlenborn gebaut. Diese Kirche ist noch in Betrieb, um so erstaunlicher, was die KünstlerInnen im Innenraum angestellt haben. Die eine Schuke-Orgel hat eine amüsante Anleitung. Die Installation vor der Kirche von PELE Collective.

Das Holzdach der Kirche knackt und knarzt bei Wettereinflüssen. Für die Soundinstallation  “Rhythm Looks For Two” hat Lilli Lake die Stellen im Dach, die besonders knarzen, mit Kupferblech markiert und Mikrofone positioniert. Diese unvorherbaren Geräusche werden verstärkt in den Kirchenraum übertragen. Herrlich! Wer mich kennt, weiß, dass ich #knarz liebe. Hängendes Objekt aus Fundstücken aus der Kirche “She has been here before, but when or how I cannot tell” von Sara Bichão. Die Buntglasfenster sind von Ursula Graeff-Hirsch, 1962.

Augustas Serapinas hat einen Teil der Kirchenbänke auseinandergenommen, die Seitenteile an der Wand aufgereiht und aus den langen Brettern einen begehbaren Turm gebaut, von dem man mal schön die Perspektive wechseln kann.

Gelsenkirchen

St. Bonifatius

Gebaut 1963 von Ernst von Rudloff. Die ehemalige Kirche ist entweiht und wurde schon im Rahmen von Urbane Künste Ruhr neu konzipiert und fungiert als Dritter Ort.

Von außen nicht uninteressant, aber auch ein bisschen unscheinbar, funktioniert hier die Installation “You are what you hold” von Özlem Altın sehr gut. Sie nimmt hier einen biografischen Faden auf (hahaha), denn ihr Vater arbeitete in einer Garnveredelungsfabrik. An den Fäden ranken sich nun Bohnen entlang. Ich hoffe, die Installation kann bleiben, so dass die Kirche irgendwann komplett von Bohnen umrankt ist.

Der Innenraum ist spektakulär. Leider konnte man den in seiner Gänze nicht wahrnehmen, weil die Szenografie von Bureau LADA – die mich an Gefängniszellen erinnerte – viel Raum einnahm.

Der Ort wurde Ferdane Satır Teegarten genannt. Ferdane Satır *1944 kam 1976 im Rahmen eines Familienzusammenführungsprogramms aus der Provinz Adana nach Duisburg. 1984 wurde sie, ihre vier Kinder, ihr Schwiegersohn und ihr Enkel bei einem rassistischen Brandanschlag getötet. Begzada Alatović hat vor der Kirche einen Teegarten in Hochbeeten angelegt. Sie lädt zum Ernten, Trocknen und Teetrinken ein.

Bei der Kunst dachte ich zuerst, och, so Gemälde … Bei näherer Betrachtung wurde ich immer interessierter und dachte zuerst, aha so junge KünstlerInnen mit Migrationshintergrund. Dann stellte ich aber fest, dass sehr viele der KünstlerInnen in den 1930er Jahren geboren wurden. Einer hat erst zwei Jahre auf dem Bau und in Fabriken gearbeitet und hat dann Kunst studiert, ein anderer wollte schon immer Kunst studieren und das war ihm erst in Deutschland möglich. Spannende Biografien und spannende Kunst. Ich meine, so êntre nous: wie viele zeitgenössische türkische KünstlerInnen kennt ihr?

Z. B. Metin Talayman (1939-1999). Er kam 1980 über ein Stipendium des Senats nach Berlin. Seine Bilder basieren auf seinen Beobachtungen des Einwandererlebens in der Stadt. Die deutsch-türkische Bildhauerin und Objektkünstlerin  Yıldız Tüzün (1932-2021). Die Schriftstellerin Füruzan (1932-2024), die 1976 als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD nach Deutschland kam und bis 1981 blieb und Reportagen über das Leben türkischer Arbeitsmigranten fotografierte und schrieb. ‎

Und dann stand ich plötzlich vor einer Arbeit von Nil Yalter, deren große Einzelausstellung ich 2019 im Museum Ludwig gesehen habe.

Die Installation “Yoldaş” = “Weggefährte” von  Merve Kaplan behandelt das Thema Migration und das Gefühl des Dazwischenseins. Ich brauchte einen Moment, bis ich erkannte, dass die Wandbilder die Tischplatten dieser unglaublich hässlichen Couchtische mit Kacheln sind. Die Untergestelle waren an anderer Stelle zu Stelen aufgetürmt. Durch einzelne Schuhpaare, die auf dem mit Teppich ausgelegten Boden standen, wurde diese Gesamtinstallation sehr berührend.

Thomaskirche

Diese Kirche in Gelsenkirchen Erle ist von innen und außen spektakulär. 1965 von Fred Janowski & Albrecht Wittig gebaut. Sie wurde am 31.05.2026 entwidmet und befindet sie sich zur Zeit im Verkaufsprozess. Das Wandrelief hinter der Altarwandvon Heinz Nickel entworfen. Sie war die einzige Kirche, die ich (bislang) gesehen habe, die noch voll möbliert war. Entsprechend kompliziert natürlich für die Ausstellungspräsentation, was aber gut gelöst wurde.

Die Orgel mit Rückspiegel, in dem ich mich knapp nicht eingefangen habe.

Lustig, hier habe ich zufällig eine Bekannte getroffen. Wir sind dann noch gemeinsam zu St. Anna gefahren.

St. Anna

Die Kirche in Gelsenkirchen-Schalke-Nord habe ich vergessen, von außen zu fotografieren, weil ich hier in Begleitung und somit etwas abgelenkt war. Ursprünglich 1908 geweihte, wurde die Kirche im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1970 vom Architekten Dr. Paul Günther wieder aufgebaut. Der Innenraum ist durch die gläsernen Wände von Johannes Beeck ganz wunderbar. Die Kirche wurde 2007 geschlossen und wird inzwischen vom Sozialwerk St. Georg genutzt, die hier einen inklusiven Begegnungsort geschaffen haben.

Die Szenografie von Bureau LADA (Ema Dabrović, Lada Hršak, Katarina Pedišić) greift die architektonischen Linien auf und integriert sich wunderbar in den Raum. Mehrkanal-Klanginstallation, 32′ “Complete Cypher Vol. I” von Emre Abut. Diskostiefel von Cihangier Gümüştürkmen

Ein zweiter Teil zu Bochum und Duisburg folgt noch.

 

 

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