Mein September 2026 – Kunst, Kunst, Kunst und Lesung

Meinen einwöchigen Sommerurlaub verbrachte ich in Essen Rüttenscheid. Ja, seid nur neidisch! 😉

Ich habe an vier Tagen 11 von 12 Manifesta-Locations besucht und darüber schon ausführlich geschrieben. https://vogelsfutter.de/manifesta-16-ruhr-bochum-und-duisburg/

In Duisburg nutzte ich die Gelegenheit, um auch das Lehmbruck Museum und die Anish Kapoor Ausstellung zu besuchen. Vor Ort fand ich die Sachen eigentlich fast alle super, aber nach dem Besuch war ich mir gar nicht mehr so sicher. Da bleibt irgendwie nichts hängen.

Anish Kapoor

Die Skulpturen aus rosa Onyx fand ich ganz interessant, aber auch hier hat mich eher die Technik beeindruckt, dass man so rasiermesserscharfe Kanten schleifen kann, das nebeneinander von matten, unbearbeiteten Teilen und hochglanzpolierten. Durch die Formen und die Farbe haben manche Teile die Anmutung von menschlichen Körperteilen. Ja, das hatte was. Onyx kannte ich nur als schwarzen Stein, und auch andere Besucherinnen haben sich darüber gewundert. Ich habe ein bisschen nachgelesen und es gibt da wohl eine Unterschied zwischen dem Schmuckstein Onyx und dem mineralogischen Onyx, aber da kenne ich mich nicht aus.

Die Arbeiten, die mit der optischen Wahrnehmung spielen, die “schwangere Wand”, oder die tiefschwarzen Flächen, die sich jeweils von der Seite als dreidimensional entpuppen, sind ganz amüsant, haben aber so einen einmaligen Effekt. Und c’mon, Zerr- und Hohlspiegel kenne ich seit meiner Kindheit von der Kirmes!

Ich bin immer sehr skeptisch bei so monumentalen Werken. Beeindrucken nur durch Größe? Billiger Trick. Bei der riesigen Halbkugel aus ochsenblutfarbenem Wachs konnte ich mich dem dann aber auch nicht ganz entziehen. Erst als ich davor stand, hatte ich kapiert, dass sich dieser große Schieber tatsächlich bewegt (in knapp zwei Stunden von der einen zur anderen Seite).

Ich habe es auch zum ersten Mal erlebt, dass das Aufsichtspersonal so begeistert von der Ausstellung ist, dass mir eine Person gleich was zu zwei Kunstwerken erzählte. Zu den Steinen berichtete er, dass Kapoor die wohl 2022 in Afghanistan den Taliban abgekauft und ausgeführt hätte. was zwei Jahre später nicht mehr möglich gewesen wäre. Eine weitere Aufsichtsperson wollte mir dann auch auch noch was erzählen, aber als sie dann meinte, Gott hätte die Steine gemacht, musste ich das Gespräch leider abrupt abbrechen.

Dann sah ich neulich bei Malin Heinecker [Instagram] eine Geschichte über ein Künstler-Gezanke zwischen Anish Kapoor und Stuart Semple über ein Pigment. Kapoor hat sich wohl mal die exklusiven Rechte für ein bestimmtes schwarzes Pigment gesichert. Das finde ich schon unsympathisch, sich wie so ne Telekom eine Farbe oder ein Pigment schützen zu lassen. Nojo.

(Wegen der VG Bild Kunst aka Unsichtbarkeitsmaschine kann ich hier nix zeigen)

Gut gefallen haben mir diese DIN A5 großen Karten, die dort bei einigen Werken auslagen. Ich vermute, das ist eine Idee aus der Vermittlung. Auf der einen Seite sind sie in verschiedenen Rottönen oder Verläufen bedruckt, vermutlich inspiriert von der Farbe der Wachshalbkugel, auf der Rückseite gibt es kleine Anleitungen, wie man sich den Kunstwerken annähern könnte.

Die Ausstellung wurde bis zum 18.10.2026 verlängert.

Frank Kunert in Neuwied

Die Fotos von Frank Kunert kenne ich schon sehr lange und ich bin Fangirl dieser kleinen,  absurden und menschenleeren Welten. Jetzt gab es die Gelegenheit, sie auch mal “in Echt” zu sehen und vor allem auch die Modelle. Als Objekt-Designerin habe ich  im Studium auch Modelle gebaut und ich habe es gehasst. Insbesonder macht mich dieser kleine Fisselskram verrückt und ich bewundere alle, die Ruhe und Geduld für sowas aufbringen, um z. B. aus einem Ohrenstäbchen einen Miniatur-Fahnenhalter zu bauen. Auch die zum Teil  „kunert’sche“ Hängung fand ich genial.

Es gab eine Dialogführung von Museumsdirektorin Jennifer Stein und dem Künstler und sowas ist ja immer interessant, wenn KünstlerInnen über ihre Arbeiten sprechen und man ihnen Fragen stellen kann. Und weil Frank so ein unglaublich sympathischer und geerdeter Mensch ist, war das alles auch informativ und unterhaltsam.

Die Ausstellung läuft bis zum 01.11.2026 im Roentgen Museum Neuwied.

Offene Ateliers

Ich war dann an einem Sonntag bei den Offenen Ateliers unterwegs. Meine ehemalige Pixel Pets Geschäftspartnerin Tina Petry malt schon sehr lange, hatte irgendwann auch ein Atelier, aber irgendwie hatte ich es nie geschafft, sie da mal zu besuchen. Jetzt aber!

Inzwischen war sie mit dem Atelier erneut umgezogen und ich sollte in die Delmenhorster Straße. Was ist das bitte für ein Atelierhaus?! Ich kannte das gar nicht. Der schicke Nachkriegsbau gehört der Stadt  Köln, wurde renoviert und 2025 eröffnet. Auf sechs Etagen befinden sich etliche Räume in unterschiedlichen Größen. Auf der Website steht, es sind 80 Ateliers und inzwischen wohl alle vermietet. Auf jeder Etge gibt es eine Küche, Toiletten, Pinselwasch- und Gemeinschaftsraum. Richtig toll.

Ich fuhr mit dem Aufzug nach oben und habe mich dann durch alle Etagen nach unten gearbeitet und habe auch ein paar wirklich interessante Sachen gesehen.

Sabine Weber [Instagram] hatte mich sofort mit einer kleinen Installation vor ihrem Atelier, wo ein kleiner 50er Jahre Küchentisch mit Resopalplatte aufgebaut war, darauf ein halber Apfel, Zweige, und noch ein paar Objekte. Sie macht Collagen, kombiniert diese mit Zeichnungen und arbeitet mit gefundenen Dingen aus der Natur.

Die Arbeit von Lilli Weinstein hat mich sehr berührt. Die junge Fotografin arbeitet biografisch und hat ihre Arbeit “Spuren verweben” als Rauminstallation gezeigt. Fotos, Texte und kleine Objekte, zum Teil auf Stoffbahnen, die im Raum hingen. Sie hatte ein Stipendium in Rappertshofen, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Das ist ein Ort mit schwerer Geschichte: Er wurde 1894 als „Landarmenanstalt“ gegründet und während der Nazidiktatur wurden dort im Zuge der „Euthanasie Aktionen“ Menschen getötet. In den 1990er Jahren wurden dort auch mal Flüchtlinge untergebracht und da lernten sich Lillis Eltern kennen. Ich find das übrigens sehr großartig, dass solche Einrichtungen Stipendien für KünstlerInnen anbieten, die dann dort auch für eine Weile Leben.

Yeil Joo arbeitet hauptsächlich mit Zucker und als ich das Bild aus Zuckerwürfeln sah, musste ich natürlich sofort an unsere ministeckiade und auch an die Bilder von Reinhard Voigt denken. Sie malt mit Zucker und gießt Bitcoins daraus. Das ist natürlich ein Kunststrudel-Thema und vielleicht schreibe ich dazu  nochmal mehr.

Ke Li kreiert zauberhafte, fragile Miniskulpturen aus Pflanzenteilen, die sie teilweise mit Kunstharz kombiniert oder komplett eingießt.

Und weil ich es gerade scheinbar mit Miniaturen habe, sprangen mich auch die Arbeiten von Matthias Schmeier an. Er baut  ganze Szenarien, die mit Menschen bevölkert sind. Im ersten Moment könnte man ganz kurz an diese Miniaturwelten denken, wie man sie auch in Hamburger Miniatur-Wunderland sehen kann und die ganz niedlich und beschaulich sind, aber dann merkt man schnell, da stimmt was nicht und dann dachte ich, häh, solche Figuren kann man doch nicht kaufen. Nee, die baut er selber und zeigt die Ästhetik des Widerstands anhand historischer Situationen von Krieg, Demonstrationen, Revolutionen, zivilem Ungehorsam.

Als ich dann endlich im Erdgeschoss und bei Tina angekommen war, bekam ich einen Espresso und ein kleines Kunstwerk geschenkt und wir haben noch lange geschwatzt.

Lesung

Am Monatsende war ich noch bei einer Lesung. Der Buchladen Neusser Straße hatte ins Bürgerzentrum Altenberger Hof eingeladen und Rebekka Endler stellte die frisch überarbeitete neue Auflage ihres Buchs “Das Patriarchat der Dinge” vor, Nora Hespers moderierte. Ich kannte das Buch bislang nicht, aber einige Sachen, insbesondere bzgl. gendersensiblen Designs, waren mir schon bekannt.

Es geht darum, wie die männlich gestaltete Welt für Frauen zum Teil lebensgefährlich ist. Das betrifft die Medizinforschung, oder das Design von Crash-Test-Dummys und die Entwicklung von KI, die zum einen aus einem männlichen Kanon schöpft, zum anderen Misogynie Vorschub leistet.Technik ist nie neutral, schon gar nicht im digitalen Raum.

Für Männer gibt es im öffentlichen Raum frei benutzbare Pissoires, Frauen müssen fürs pinkeln bezahlen und überall gibt es eh viel zu wenige Toiletten für Frauen. Zu kleine oder gar keine Taschen in Frauenklamotten sind vielleicht ein marginales Thema. (Aber das ist schon schlimm genug).

Ich werde das Buch jetzt lesen müssen, auch wenn ich mich dabei permanent aufrege.

Bei der Lesung saß übrigens ein Mann neben mir, der nicht einmal seine Miene verzogen und nicht einmal geklatscht hat. Ist klar.

 

3 Kommentare

  1. Wieder mal sehr schön, liebe Ute! Nur einen kleinen Wermutstropfen gibt es: Die VG Bild-Kunst ist nur EINE (allerdings ziemlich große) Kralle der Unsichtbarkeitsmaschine. Und auf den Begriff hat die KunstArztPraxis das Patent. Das ist UNSER PIGMENT!!!! Das haben WIR den Taliban damals abgekauft!!!! Kicher. Danke. Und bitte weitermachen. KunstArzt1 aka Kulturfritte

    • Auch kicher. Wahrscheinlich ist das auch der meistverlinkte Beitrag auf eurer Seite, weil ich da ständig hinverlinke! 🙂 (Und weil ich es bei den Beiträgen zur Manifesta wieder gemacht habe, habe ich es mir hier verkniffen, verflixt)

  2. Ach, cooles Atelierhaus. Kannte ich auch noch nicht. Und ja, die Aufsichten bei Anish Kapoor hatten entweder Mitteilungsbedarf oder quatschten recht laut und ungeniert privat untereinander. Fand ich zumindest gewöhnungsbedürftig. Ich teile deine Einschätzung von der Wirkung der Kapoor-Ausstellung. Bei den Zerrspiegeln kam mir auch sofort die Kirmes in den Sinn. Aber hey, es ist irgendwie immer toll ins Lehmbruck zu gehen – alleine des Baus wegen. Schöne Sachen hast du gemacht im September.

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