Manifesta 16 Ruhr – Bochum und Duisburg

Das ist der zweite Teil. Zu Essen und Gelsenkirchen hatte ich schon hier geschrieben.

Bochum

St. Ludgerus

Von Hans Joachim Lohmeyer 1966 erbaut. Die Kirche ist noch geweiht, aber ohne laufende kirchliche Nutzung.

CaboSanRoque und Flexo Arquitectura Kollektiv haben im Kirchenraum ist ein Ballspiel-Parcours FAIL LOUDER  mit Toren und Körben aufgebaut. Ganz witzige Idee. Wirft man einen Korb oder schießt ein Tor, ertönt ein Sound. Wäre ich nicht so ungeschickt mit Bällen, hätte ich es gerne mal ausprobiert. Das wurde von ein paar Kids exzessiv bespielt und das ist kann ja auch schon was für einen Stadtteil sein, wenn eine ungesnutzte Kirche zu einem Indoor-Spielplatz wird.

Christ König

Der Bau ist eine Rekonstruktion einer ursprünglich für das Franziskanerkloster errichteten Kirche von Franz Schneider von 1932. Die Kirche ist noch geweiht, aber ohne laufende kirchliche Nutzung.

Beim Betreten zeigt sich eine riesige dystopische und verstörende Gesamtansicht. Im Hauptschiff eine große Bodeninstallation “When Animals Fall from the Sky” von Eva Koťátková, überdimensional große Vögel und Objekte aus Stoff. Dahinter auf dem Altar Skulpturen von Małgorzata Mirga-Ta.

2011 errichtete die Rom*nja-Bildhauerin in Cygańskie Górki ein Denkmal aus Holz, das an ein Ereignis im Juli 1942 erinnert, als die deutsche Militärpolizei zusammen mit polnischen Polizeibeamten eine Gruppe von 29 Rom*nja  – darunter 20 Kinder – festnahm und erschoss. Ihre Leichen wurden in eine Grube geworfen, die am Ort der Hinrichtung ausgehoben worden war. 2016 zerstörten unbekannte Täter*innen das Denkmal. Aus Fragmenten des zerstörten Denkmals schuf Mirga-Tas eine Serie von Wachsskulpturen, die sowohl an die ursprünglichen Morde als auch an die spätere Zerstörung erinnern.

An den Seiten hingen und lagen Körperhüllen von Mehtap Baydu “The Distance between me and everything”

In den Neben-. und Hinterräumen, die ja normalerweise nicht zugänglich sind, gab es eine Installation von Aline Bouvy “The Lore of Us”. Obwohl die Kirche nicht mehr in Betrieb ist, befindet sich dort immer noch die materielle Infrastruktur, wie  z. B. Gewänder, Blumenvasen, liturgische Gegenstände oder einfach nur Zeug. Aline Bouvy hat teilweise die Holztüren der Schränke durch farbige Acrylglasplatten ersetzt, einige Dinge manipuliert oder verändert und  in einem Schrank gab es eine Soundinstallation. Das hat mir großen Spaß gemacht.

Auf einer der Emporen hingen textile Arbeiten von Mabe Bethônico: “Walking the Dust”. Die haben mich total angesprochen. Knallbunt bedruckte Stoffbahnen hingen an Holzstäben, manchmal mehrere Schichten, an den Seiten hingen Schnüre, Troddeln oder kleine Glöckchen. Grundsätzlich beschäftigt sich die Künstlerin mit den Themen Geografie, Geologie, Geschichte und Ethnografie – oft im Zusammenhang mit dem Thema Rohstoffabbau. Bedruckt sind die Stoffbahnen mit Darstellungen aus dem Bergbau. Passt ja gut in die Gegend. Die stammen aus dem Buch De Re Metallica des deutschen Gelehrten Georgius Agricola aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Beim Nachlesen habe ich aber gelernt, dass sich Mabe Bethônico damit auf Congado bezieht, ein traditionelles afro-brasilianisches Fest. Das spielt in der Heimatregion der Künstlerin, Minas Gerais in Brasilien, eine wichtige Rolle und dort begann der Bergbau im 17. Jahrhundert.

Keine Ahnung, warum mich das so angesprochen hat. Vielleicht weil sowohl die Weberei, als auch der Bergbau bei meinen Vorfahren eine Rolle spielten.

Gethsemane

Das war eine protestantische Notkirche, die 1947-1950 im Rahmen des Notkirchenprogramms der evangelischen Kirche auf den Fundamenten eines im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gemeindehauses errichtet wurde. Die Gemeinde erhielt einen Fertigbausatz, der die wesentlichen Strukturelemente aus Holz und Eisen enthielt. Die Gemeindemitglieder haben das Gebäude selbst aufgebaut und die Mauern mit gereinigten Backsteinen aus den Trümmern des Gemeindezentrums aufgemauert.

Vor der Kirche steht eine aufblasbare Glocke „Kein Geläut” von Marina Naprushkina, die als Hüpfburg fungiert. Sie setzt sich in ihrer Arbeit  mit den politischen Realitäten in Belarus und den Lebensbedingungen von Vertriebenen in Europa auseinander. Auf der Glocke steht “Wir gehen nicht”.

Auf dem Altar hat Zuza Golińska ausrangierte Gasflaschen arrangiert, die von einem Werftgelände in Danzig stammen. Die Assoziationsmöglichkeiten sind vielfältig. Man kann sie als ausrangierte, vielleicht heimatlose Individuen sehen, oder sie könnten eine militärische, gefährliche Konnotation haben. Die Neon-Schriften sind von Mirosław Bałka. Es ist das Wort Heimat in sechs verschiedenen Sprachen.

Hinter dem Kirchenraum, dem Gemeindesaal, waren ein paar Überreste von vergangenen Performances zu sehen. Z. B. die Kochschürzen, die von der Performance “Analı Kızlı – With Mothers and Daughters” von Mehtap Baydu stammen. Daran waren elf Frauen aus Bochum beteiligt, die im Kollektiv für Gruppen gekocht haben. In der türkischen Sprache gibt es eine Reihe von Gerichten, deren Namen sich auf Frauen oder deren Körperteile beziehen: eine Suppe Dul avrat Çorbası (Witwensuppe), ein Dessert Dilber Dudağı (Lippen der Geliebten) und ein Fleischgericht Analı Kızlı (Mütter und Töchter). Auf den Kochschürzen waren diese lustigen Namen aufgestickt. Das hatte für mich was herbergsmütter’eskes.

Dann stand da noch ein Flipper von Cassidy Toner. Ich weiß jetzt nicht mehr, ob es “What Do You Get?” oder “What Can You Do?” war. Man konnte auf jeden Fall ohne Geldeinwurf spielen und wenn man verloren hatte, kam ein Kommentar zum Ethos von Fleiß und harter Arbeit bzw. von Glück und Zufall als Wege zur Selbstoptimierung und Selbstverwirklichung aus dem Lautsprecher. Ich wusste gar nicht, dass mir flippern so viel Spaß macht. Ich möchte mehr flippern! Übrigens steht noch ein zweiter Flipper von Cassidy Toner in irgendeiner Spielhalle in Bochum.

St. Anna

Backsteinexpressionismus von Wilhelm Peter, 1929 im Stadtteil Goldhamme. Die Kirche ist noch geweiht, aber ohne laufende kirchliche Nutzung.

Die beiden Aluminiumskulpturen “The Thieves” von Pedro Cabrita Reis, links und rechts der Jesusfigur,  stellen die beiden Verbrecher dar, die in allen vier Evangelien erwähnt und oft als „die beiden Diebe“ bezeichnet werden und neben Jesus gekreuzigt wurden. Zudem greift er damit die architektonischen Linien auf.

Gut gelungen fand ich die Projektion des Videos “A Labour Dictionary” von Pınar Öğrenci auf die Wand der Apsis, mit Stern und Kreuz, denn durch die christliche Symbolik, die die Bergbaukultur im Ruhrgebiet geprägt hat, blieben Religion und Identität muslimischer und zugewanderte Bergleute kaum sichtbar.

Auch hier waren Hinter- und Nebenräume zugänglich.

Duisburg

Kulturkirche Liebfrauen

Das war dann meine letzte Manifesta-Location und sowohl der Raum als auch die Kunst haben mich überwältigt

Es ist eine der bedeutendsten Kirchen der Nachkriegsmoderne in der Rhein-Ruhr-Region, sie wurde 1958 bis 1961 nach Entwürfen von Toni Hermanns gebaut, 1961 geweiht und 2010 profaniert. Seit 2005 steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Auch hier liegt der Kirchenraum quasi in der ersten Etage. Im Untergeschoss gibt es noch eine Kapelle, die als Raum der Stille dient und werktags von 9.00 bis 15.00 Uhr geöffnet ist. Die Betonglasfenster hat Hubert Spierling entworfen.

Auf der Website der Kulturkirche Liebfrauen gibt es umfassende Informationen zur Geschichte und zu allen baulichen Details.

Die Glaskunstwände der Hauptfassade von Gérard Lardeur, das Altarensemble und zahlreiche andere Einrichtungsgegenstände der Liebfrauenkirche stammen aus der Vatikankirche der Brüsseler Weltausstellung von 1958. Über dem Hauptaltar hängt immer noch das Altarkreuz der Bildhauerin, Medailleurin, Holzschnitt- und Schmuckkünstlerin Hildegard Domizlaff.

Der Altartisch ist von Kurt Schwippert und besteht aus geschliffenem Belgisch Granit. Er ist ringsum mit acht bronzenen Relieftafeln (Antependien) verkleidet.

Das Reliefbild „Engelsturz“ an der Rückwand hat Werner Koch 2019 für eine Ausstellung erstellt und es danach der Kirche geschenkt.

Spektakulär sind auch die Seitenwände aus glasfaserverstärktem Plexiglas, insbesondere in Kombination mit der wunderschönen Holzdecke.

Die Orgel wurde 1964 von dem Orgelbauer Franz Breil erbaut.

Im Hauptraum befindet sich die Installation “Ouranophobia 47051” von Abbas Zahedi. Gefundene Orgelpfeifen sind durch ein pneumatisches Belüftungssystem verbunden und gaben immer mal Töne von sich. Zahedi wurde wohl von der expressiven Breil-Orgel zu seiner Arbeit inspiriert. Die ist schon eine Zeit lang außer Betrieb. Einige Pfeifen sind beschädigt oder fehlen.

Ich zitiere hier einfach mal den Text von der Manifesta Seite, weil das schon sehr berührend ist.

„Laut Zahedi „steht ihr Schweigen sinnbildlich für das Verschwinden des gemeinschaftlichen Glaubens und der gemeinsamen Erfahrung in unserer Gesellschaft“. Als Reaktion darauf hat der Künstler eine zweite Orgel geschaffen, die „die Stimme des alten Instruments auf den Boden holt und sich der vertikalen Hierarchie der Kirche mit einem gemeinsamen horizontalen Resonanzraum widersetzt“. Seine Installation besteht aus ausrangierten Pfeifen von stillgelegten Orgeln aus ganz Europa. Dutzende weggeworfene Fragmente erklingen in einem gemeinsamen Summen.

…

Das Innere seiner Orgel, das einem Steinkreis ähnelt, wird zum Schauplatz für eine Reihe von Selbsthilfegruppen, in denen die Teilnehmenden gemeinsam zuhören und neben musikalischen und künstlerischen Darbietungen auch ihre Verlusterfahrungen austauschen.

…

Pfeifen aus der Orgel der St.-Nikolaus-Kirche in Kiew – die im September 2021 durch einen Brand zerstört wurde – bilden die Grundlage für Zahedis Installation. Ihre Verwendung wurde durch die Zusammenarbeit mit drei in Kiew ansässigen Organisationen ermöglicht: Baby Prod, dem Pavillon der Kultur und dem Nationalen Haus der Musik, das Konzerte in der St.-Nikolaus-Kirche veranstaltet hat. Das Begleitprogramm umfasst eine Veranstaltung im Pavillon der Kultur in Kiew.

Das finanzielle und rechtliche Risiko für die Ausleihe der Orgelpfeifen und ihre sichere Rückgabe nach Kiew trägt der Künstler persönlich.“

Zeigen kann ich das leider wegen der Unsichtbarkeitsmaschine nicht.

Emil Walde hat aus Glassscheiben des Duisburger Hauptbahnhofs eine Installation gebaut, die mich ein bisschen an Wartehäuschen erinnert hat. In den Nischen, vor denen die Wände stehen, standen früher die Beichtstühle, jetzt stehen da Bänke auf die man sich zurückziehen und einen Moment durchschnaufen kann.

Die Stühle haben mir gut gefallen, weil sie so breit und sehr bequem waren. Ich haben recherchiert. Man kann sie als Esszimmerstuhl kaufen.

Anish Kapoor im Lehmbruck Museum

Und weil ich schon vor Ort war, nutzte ich die Gelegenheit, zum fußläufig erreichbaren Lehmbruck Museum zu gehen, um die Ausstellung Anish Kapoor zu sehen.

Ich war schon länger nicht mehr dort und hatte gar nicht mehr auf dem Schirm, was für ein wunderschöner Bau das ist, den Manfred Lehmbruck für das Werk seines Vaters entworfen hat, und ich bin da sehr gerne nochmal durchflaniert.

In der Kapoor-Ausstellung fand ich eigentlich fast alles super, aber als später alles ein bisschen gesackt war und ich noch etwas nachgelesen habe, war ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich das wirklich alles gut fand. Ich muss noch darüber nachdenken und schreibe später was dazu.

 

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