Zuckerstraßen Köln: Straßenportrait der Wilhelmstraße in Nippes

Ich habe mich sehr gefreut, den Instagram-Account Strassenauszucker_Koeln zum zweiten Mal zu bespielen. Im Mai 2022 hatte ich dort die Blücherstraße in Nippes porträtiert und diesen Juli schlenderte ich durch die Wilhelmstraße, ebenfalls in Nippes.

Die Wilhelmstraße wurde 1873 angelegt und nach Kaiser Wilhelm I. benannt. Amüsant ist, dass im Adressbuch von 1953 steht, sie sei nach Wilhelm Eich, einem Bürgermeister von Nippes benannt, was mir seltsam vorkommt, dass da der Vorname verwendet sein soll. Wobei die Wilhelmstraße die Eichstraße kreuzt und die ist tatsächlich nach ihm benannt.

Die Wilhelmstraße durchquert Nippes von der Niehler Straße im Osten bis zur Merheimer Straße im Westen, sie ist ca. 700 m lang, ist eine gemischte Wohn- und Geschäftsstraße und kreuzt 7 Straßen.

Auf der Katasterkarte von 1876 reicht die Wilhelmstraße von der Niehler bis zur Neusser Straße. 1898 existierte dann schon das Stück ab Siebach- bis zur Merheimer Straße. 1901 reichte die Wilhelmstraße bis zur Kempener Straße und irgendwann zwischen 1904 und 1911 wurde das letzte Stück zwischen Kempener- und Siebachstraße fertiggestellt. Erst nach dem 2. Weltkrieg wurde die Bebauung komplett abgeschlossen. Lücken gab es trotzdem noch – oder wieder – dazu später mehr.

Alle Stadtkarte 2.0 © Stadt Köln und Regionalverband Ruhr, dl-de/by-2-0, Datengrundlagen: ALKIS, ATKIS – Land NRW/Katasterämter (Lizenz: dl-de/zero-2-0) und © OpenStreetMap – Mitwirkende (License: ODbL)

Viele Informationen habe ich im Nippes-Wiki gefunden und ich war auch einmal beim Archiv für Stadtteilgeschichte Köln-Nippes e.V., wo mir auch ein paar Fotos zur Verfügung gestellt wurden. Vielen Dank für die große Freundlichkeit!

1888 wurde Nippes nach Köln eingemeindet und im Kölner Adressbuch von 1890 tauchen erstmals die Nippeser Straßen im Straßenverzeichnis aus, so dass ich mich ab da schön daran entlanghangeln konnte. Ich habe die Adressbücher – mit ein paar Ausnahmen – in Zehnerschritten durchgearbeitet.

Beim Studieren der alten Adressbücher fiel mir auf, dass hier zu Beginn überwiegend Menschen ohne Gewerbe, Tagelöhner, Arbeiter und Handwerker lebten und nur wenige Bürgerliche.

Ich hab ein paar Berufe der Mieterinnen und Mieter von 1890 notiert:
Bahnschaffner, Tagelöhner, Schankhalter, Ingenieur, Sattler, Kleidermacherin, Schreiber, Schlosser, Buchhandlungsgehilfe, Schuhmacher, Anstreicher, Commis, Lehrer a. D., Kassirer, Modistin, Kanzlist, Fabrikarbeiter, Betriebs-Secretair, Maschinist, Barbier, Bremser, Holzarbeiter, Büglerin, Briefträger, Gummiarbeiter, Stadtdiener.

Gut 50 Jahre später, 1941: Droschkenbesitzer, Kaufmann, Diplom-Ingenieur, Korrektor, Fabrikarbeiter, Büroangestellter, Schreiner, Schuhmacher, Metzger, Gärtner, Schlosser, Friseur, Bahnarbeite, Anstreicher, Händler, Generalvertreter, Kesselschmied, Bankangestellter, Glaser, Werkführer, Näherin, Hilfsarbeiter, Kraftwagenfahrer, Gewerbelehrer, Stadtamtmann, Damenschneider, Kellner, Dentist, aber viele sind ohne Gewerbe.

Eine schöne, diverse Mischung.

Hausbesitzer hatten 1890 u. a. folgende Berufe: Anstreicher, Schlosser, Schreiner, Ingenieur, Betriebs-Secretair, Schneider, Schuhmacher, Kaufmann, Metalldreher, Bäcker.

Und das waren alles z. T. kleine Mietshäuser mit zwei bis drei Etagen. Mich beeindruckt das sehr, dass Menschen mit so relativ einfachen Berufen Hausbesitzer sein konnten.

Mir ist jetzt bei meinen Recherchen bewusst geworden, was für eine diverse und vielfältige Straße die Wilhelmstraße war und zum Teil noch ist. Über aktuelle Bewohner*innen weiß ich natürlich nichts.

Bäume

Es gibt sehr wenig Bäume in der Wilhelmstraße. Von der Niehler bis knapp zur Gartenstraße steht kein einziger. Der erste Baum steht an der Post, Ecke Gartenstraße. Dann folgt eine ordentliche Straßenbebaumung bis zur Siebachstraße. Auf dem letzten Stück bis zur Merheimer Straße gibt es dann wieder kein Baum. In der Wilhelmstraße stehen Haseln, Baumhaseln, Scheinakazien und Ahorn. Der größte Baum ist mit 14 m die Scheinakazie/Robinie vor Kleefisch.

Kennt ihr die App Hallo Baum? Damit kann man Bäume bestimmen, ohne was hochladen zu müssen – allerdings gibt es das nur für einige Städte. (Leider sind da auch ein paar Fehler drin. Es muss Wilhelmstraße statt Auguststraße heißen.)

Details und Impressionen

Instaposts

Da meine Instaposts sehr textlastig und dokumentarisch auflistend waren, wird es ab jetzt möglicherweise für manche etwas langweilig, vor allem, wenn man keinen Bezug zur Straße hat. Vielleicht guckt ihr euch noch die Fotos an.

Die Wilhelmstraße von der Niehler bis zur Neusser Straße

Open Streetmap

1890 begann die Wilhelmstraße links mit der Nummer 1, die unbewohnt war, und endete mit der Nummer 45 hinter der Neusser Straße, wo ein Schuhmacher war. Im Verlauf gibt es noch einige Lücken in der Bebauung. Auf der rechten Seite beginnt sie mit der Nr. 2, wo nur im Erdgeschoss ein Arzt wohnte (oder wirkte) und endet bei Nr. 44 und einer Baumaterialien-Handlung an der Ecke Gartenstraße.

Der jetzt eher unwirtliche erste Abschnitt auf der linken Seite – ein Parkplatz, wo im Dezember auch Weihnachtsbäume verkauft werden und die Rückseite der Mathilde-von-Mevissen-Grundschule – war jahrzehntelang ein Wohn- und Gewerbe-Abschnitt.  Hier standen auf der linken Seite Häuser von der Nummer 1 bis weiter zur 19. Heute hat das erste Wohnhaus die Nummer 11-13 und ist ein grauer Nachkriegsbau.

Die Mathilde-von-Mevissen-Grundschule ist möglicherweise schon in den 1920 Jahren als Schule eingezeichnet, allerdings nur ein Gebäude an der Gellertstraße. Erst ab 2006 wird das Gebäude an der Wilhelmstraße im Stadtplan verzeichnet. Und obwohl ich da schon in der Ecke wohnte, weiß ich nicht mehr, wie es davor aussah.

Die Nr. 3-7 war ab 1910 abwechselnd Baumateriallager und Baustoffhandlung, 1930 kommt eine Autogarage hinzu, dann eine Karosseriewerkstatt, die bis mindestens 1973 existierte. In der Nr. 9 wohnte 1900 u. a. der Schießbudenbesitzer Henning. 1890 wohnte er in der Nr. 40 und ihm gehörte auch das Haus. Erst wurde er als Reisender geführt, später dann als Schießbudenbesitzer.

Ich weiß nicht, wann der “Neubau” auf der rechten Seite entstand, der die Adresse Niehler Straße hat. Hier stand mindestens ab 1890 bis mindestens 1973 ein Haus Wilhelmstraße Nr. 2, wo über Jahrzehnte eine Bäckerei drin war.

Heute beginnt die Wilhelmstraße rechts mit der Nummer 4 und das ist bestimmt noch das Haus, was schon 1890 dort stand. Da gehörte es Herrn Florenz und hatte keine Mieter.  1900-1920 war hier die Schreibwarenhandlung Flock, die in der Zeit auch Eigentümerin des Hauses war. (1890 firmierte sie noch in der Nummer 43). Die war auch eine Annahmestelle der Rheinischen Volkszeitung und der Rheinischen Volkswacht. 1930-1962 gehört das Haus  Hermann Heindze, der hier eine Farbwarenhandlung führte. Bis ca. 1939 wohnt die Witwe Flock noch in der 2. Etage. 1973 war hier die Lebensmittelhandlung von Walter Gründler.

Aktuell firmiert hier eine Matrazen- und Teppichreinigung.

 

Die Nr. 6 entstand kurz nach 1890. Ab 1920 gehörte das Haus P. Hückeswagen und er führt hier eine Obsthandlung. 1930 ist P. Rentner und die Obsthandlung führt Frau Johann Hückeswagen, J. Hückeswagen ist Kraftwagenfahrer. 1941-1953 wohnten Hückeswagen in der Niehler Str. 1962-1973 gehörte Hans Peter Hückeswagen, der in der Neusser Str. wohnte. 1962 führte hier A. Kaiser ein Friseurgeschäft. Das Haus gehört auch noch 1973 Hückeswagen.

Aktuell hat hier eine Heilpraktikerin ihre Praxis.

In der Nr. 8 wohnt 1920 der Fahrradhändler Theodor Poß, 1930 gehört ihm das Haus und er führt eine Fahrradhandlung. 1939 gehört das Haus immer noch dem Mechaniker Theodor Poß, ein Gewerbe wird nicht erwähnt, aber es gibt nun eine Nr. 8A und die Schlosserei G. Cöln. 1953 gehört das Haus der Witwe Theodor Poß. Witzig ist, dass 1973 bei der Nr. 8a auf die Florastr. 76 verwiesen wird.

 

Diese Nr. 10 ist auf jeden Fall ein Nachkriegsbau, aber 1890 war hier die Kohlenhandlung Iven. 1900 gehörte das Haus dem Buchdrucker Hermann Better unten wohnt die Witwe C. Better ohne Beruf. 1910 gehörte das Haus Herrn Görtz, die Gemüsehandlung führte P. Hückeswagen (dem 1920 die Nr. 6 gehört), außerdem wohnt hier der Wagenputzer Anton Büchel. 1920-1930  führte Görtz die Gemüsehandlung, 1939-1942 gehörte das Haus der Witwe Görtz und die Gemüsehandlung führte W. Engels. 1962 gehört das Haus den Erben Görtz aus Krefeld (kleiner Fun Fact für mich), M. Krupp führt hier Motorradreparaturen aus, sonst keine Mieter. 1973 ist Matthias Krupp der Hauseigentümer und führt eine Gaststätte.

Bei Google Streetview kann man sehen, dass hier nach 2022 nochmal eine Fassadenverschönerung stattgefunden hat. Die Nr. 15 hat vielleicht den gleichen Architekten beauftragt. Hier war übrigens vermutlich seit dem Krieg und mindestens bis 1973 eine Lücke.

 

In der Nr. 18 befand sich 1900 die Gemüsehandlung Odenthal, die auch Hausbesitzer waren. Seit 1920 war unten ein Friseurgeschäft. Ab 1930 gehörte das Haus Krämer, 1953 der Witwe Krämer ohne Beruf und es wohnt u. a. die Reklamezeichnerin Charlotte Krämer hier. 1962 ist Frau K. Krämer Hauseigentümerin, u.a. wohnt die Grafikerin L. Krämer hier, das Friseurgeschäft führt J. Homann. 1973 ist die Grafikerin Lotte Krämer Hauseigentümerin. Mich würde interessieren, was aus der Grafikerinnen-Dynastie Krämer geworden ist.

Seit vielen Jahren hat schon Livia Wachsmuth hier ihre Keramikwerkstatt.

Als ich durch die Wilhelmstraße stromerte, um zu fotografieren, fiel mir diese Flagge auf. Als ich sie gerade fotografiert hatte, kam ein Mensch aus dem Haus und sagte, das sei sein Kommentar zur Fußball WM, die gerade begonnen hatte. Das gefiel mir. Auch auf der anderen Straßenseite gibt es einen Kommentar dazu, dass Nippes stabil ist.

 

Bei der Nr. 26 weist gar nichts mehr auf eine wechselvolle und lebendige Gewerbe-Geschichte hin. Es fällt durch die hübsche Fassadengestaltung auf, die eine Kölner Stadtansicht zeigt.

1890 gehört das Haus der Bank für Rheinland und Westfalen und es befindet sich die Möbelhandlung Coßmann darin. 1900-1920 gehört es Gottgetreu, 1900 befand sich die Kurzwarenhandlung Knepper darin. 1910 war hier der Schuhmacher Johann Waldorf, 1930 ist Witwe Karl Gottgetreu Hauseigentümerin, 1920-1930 war hier eine Verkaufsstelle der “Rheinischen Brotfabrik“ und die Modewarenhandlung Anton Ringhausen. Seit 1939 war hier kein Gewerbe mehr, 1953 gehörte das Haus der Farbenfarbik Bayer Leverkusen, 1962 der Witwe Glesius (siehe auch Nr. 36). 1973 gehörte  das Haus J. G. Farben Leverkusen.

 

Die Nr. 36-42 sind die letzten Häuser vor der Gartenstraße – im Haus Nr. 36 wohnte 1900 u. a. der Laternen-Anzünder Bierbrauer. 1913 wohnte hier der Schreiner Gerhard Glesius und hatte ein Sarglager, 1915 war hier das Glesius Sarglager und Beerdigungsanstalt. Seit ca. 1920 war das Haus im Besitz der Familie Glesius. 1930-1973 die Beerdigungsanstalt Glesius, 1973 auch ein Blumengroßhandel. Neulich ging ich durch die Mauenheimer Straße und da fiel mir auf, dass das Beerdigungsinstitut Glesius nun dort firmiert.

Die Nr. 38 wurde 1888 erbaut und 1890 gehörte das Haus dem Kaufmann Wirtgen, 1900 dem Schneider Jansen und 1910-1920 war hier die Tuchhandlung Josef Jansen. 1930 ist die Witwe J. Jansen o. G. Hauseigentümerin. 1962 waren hier J. Rody Büromaschinenreparatur, 1973 gehörte das Haus den Erben Rody.

Die Nr. 40 gehörte 1890 dem schon früher erwähnte Reisenden Henning. 1900 wohnte er in der Nr. 11. 1910-1930 gehörte das Haus dem Sandformer Heinrich Goldschmidt, seine Frau ist Hebamme. 1939-1953  gehört das Haus der Witwe Franz Gnannt, die hier eine Waschanstalt führt, 1953 heißt es Wäscherei. 1962-1973 ist sie Hausfrau S. Gnannt, die Wäscherei führt J. Spiegel. 1973 führte hier Helga Zobel einen Münzwaschsalon.

In der Nr. 42 befand sich 1900-1910 eine Verkaufsstelle des Metzgers Stöcker, 1930-1939 die Feinkosthandlung Armacher, 1953-1962 die Lebensmittelhandlung Lorbach und 1962 auch das Optikergeschäft Th. Axmacher, der 1966 in die Nr. 54 umzieht. Aktuell ist hier eine KiTa drin.

Gartenstraße

Zwischen Gartenstraße und Neusser Straße ist der Block ein Parkplatz.

1890 endete die Bebauung der Wilhelmstraße hier mit der Nr. 44 und der Baumaterialienhandlung Meyburg. Im Laufe der Jahre wurde der Abschnitt bis zur Neusser Straße und zur Nr. 50D bebaut.

Es gab hier ab 1900 mehrere Speisewirtschaften, 1910 eine Sägemehl- und eine Butterhandlung, sowie eine Verkaufsstelle der Bäckerei Milles, 1930 eine Kurzwarenhandlung, bis 1942 eine Kolonialwarenhandlung, die bis 1965 ein Lebensmittelgeschäft war, von 1930 bis 1942 ein Feinkostgeschäft, von 1939-1962 ein Damenfriseurgeschäft, 1930-1939 die Lederhandlung Gustav Mongletchewski, ab 1953 eine Kürschnerei und eine Schuhmacherei, 1953 eine Imbißstube.

Das erste Haus verschwand um 1953. 1963 wurde der Neubau des Kaufhof gebaut. Die letzten Häuser Nr. 44 und Nr. 48 blieben bis mindestens 1973 stehen, hatten aber dann schon keine Mieter mehr.

Man kann über den Parkplatz zur Nelkenstraße durchgehen.

Die beiden Murals auf der Rückseite der Galeria Kaufhof entstanden 2017 im Rahmen des Cityleaks-Festival. Links ander Wilhelmstraße von Agostino Iacurci, rechts an der Nelkenstr. von innerfields [Instagram]. Dazwischen ist auch noch ein Bild, das konnte ich aber nicht identifizieren. Ich habe ein Foto von 2016 gefunden, wo die Murals noch nicht existierten.

 

Wilhelmstraße 39 Neusser Straße 236 Nr. 39: 1900 stand hier ein Neubau ohne Nummer, der dem Arzt Bassen gehörte. 1910 war die Witwe Arzt Bassen Hauseigentümerin, Dr. Sonnenschein hatte hier seine Arztpraxis. 1920 gehörte das Haus den Erben Bassen, die Depositenkasse des Barmer Bankvereins, Hinsberg, Fischer & Company Cöln war eingemietet und der Bankvorstand W. Britz wohnte auch im Haus. 1930-1942 gehörte das Haus der Stadt und hier war die Zweigstelle IX der Städtischen Sparkasse. 1953 war die Zweigstelle der Stadtsparkasse Hohe Pforte Hauseigentümerin, 1962-1973 die Zweigstelle 9 der Stadtsparkasse Habsburgerring und jetzt ist es auch ein Wohnhaus mit mehreren Mietern. Die Stadtsparkasse ist hier immer noch drin, die Adresse ist jetzt Neusser Str. 236.

 

Die Kreuzung Neusser/Wilhelm ist vermutlich die einzige Ampelkreuzung in Köln, wo Fußgänger*innen in alle Richtungen gleichzeitig Grün haben und auch diagonal kreuzen können.

Ampelkreuzung Neusser Straße Ecke Wilhelmstraße

Neusser Straße

Der erste Abschnitt nach der Neusser Straße ist mir ein Rätsel. Ich habe immer gedacht, die Flachbauten mit den Nummern 41-45 seien die typischen Nachkriegslücken. Sind sie aber irgendwie nicht. Das Eckhaus steht seit mindestens 1910 und hatte immer schon die Adresse Neusser Str. 241.

1890 ist in der Nr. 43 die Schreibwarenhandlung Flock – die ja um 1900 in die Nr. 4 gezogen ist – die war auch Agentur des Cölner Lokalzeigers. Die Bebauung der Wilhelmstraße endet mit der Nr. 45,  das Haus gehört dem Bäcker E. Richartz. Diese Häuser verschwinden irgendwann.

1900 ist das erste Haus nach der Neusser die Nr. 51 (Ecke Christinastr.) und bis 1942 gibt es keine Nummern 41-43. Beide  tauchen erst wieder 1953 auf. In der Nr. 45 ist 1939-1942 die Butterhandlung Lorenz.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass da nach 1942 Neubauten errichtet wurden, die dann blöderweise wieder zerstört wurden. Aber wer weiß.

In der Nr. 41 war 1953 die Textilwarenhandlung Frau Paul Jansen, 1962 die Miederhandlung K. Steinke. In der Nr. 43 war 1953-1962 die Schreibwarenhandlung Wilhelm Schmidt. 1973 verweisen die Nr. 41-43 auf die Neusser Str. 241.

Viele Jahre und mindestens bis 2022 war in der Nr. 41 und 43 ein Büro der katholischen Kirchengemeinde St. Marien mit Bücherei. (kann man noch bei Google Streetview sehen). Seit ein paar Jahren ist in der Nr. 41 ein Fitnessunternehmen.

 

Seitdem ich in Nippes wohne, war in der Nr. 45 der türkische Supermarkt Anadolu Pazari, mit Frischetheken für Fleisch, Fisch und Käse. (kann man noch bei Google Streetview sehen). Seit ein, zwei Jahren ist der weg und das Gebäude steht leer. Die Nippeser Buschtrommel kolportiert, es bestehe zur Zeit kein Interesse an einer Neuvermietung. Mal abwarten.

 

Die Nr. 49 war von 1901 und bis ca. 1930 das erste Haus auf der linken Seite nach der Neusser Straße. Seit 1907 ist das Haus im Besitz der Familie Oerder (bis 1953 Örder, dann Oerder). 1907 gehört es dem Oberpostschaffner (?) Örder, im Erdgeschoss führte Frau Örder eine Spez.-Handlung. (Spezerei ?) 1910 war es ein Kolonialwarenladen, den sie bis mindestens 1930 führte. 1930 gehört das Haus der Witwe Örder, Karl Örder jun. hat eine Autovermietung; 1939-1942 war die Witwe von Carl Örder ohne Gewerbe, unten führt Witwe Krause eine Essighandlung.

Ab 1953 gehörte das Haus den Erben Örder, Sigismund Örder führt eine Gummiwarenhandlung; 1962 war Herr Oerder Handelsvertreter, 1973 führte Elfriede Oerder einen Spielwarenladen, an den ich mich noch erinnern kann. Zu meinen ministeck Zeiten war ich da auch mal drin.

Ich weiß nicht mehr, wann er geschlossen wurde und wie lange er leer stand. Seit 10 Jahren firmiert hier NippS49 mit einem wunderschönen Sortiment von Geschenkartikeln, Wohnaccessoires, Re- und Upcycling-Produkten, auch von Kölner DesignerInnen. (OK, ich bin vielleicht etwas befangen.)

 

Die Nr. 51 gab es seit 1900, Besitzer war bis 1920 B. Charles; 1910 führte Witwe Magerstädt eine Spez.-Handlung (Spezial? Spezerei?), 1907 ist hier die Butterhandlung von Frau Tilgenkamp.

Von 1920-1962 war Zahnarzt Otto Breidenbach der Hausbesitzer, im Erdgeschoss befanden sich die Bäckerei und die Zigarrenhandlung von Maria Trautmann. 1930 gehörte die Zigarrenhandlung Peter Courth, die Backwarenhandlung Graß, die Kauffrau Maria Trautmann war auch noch im Erdgeschoss gemeldet – mit Telefonanschluss! 1939 befanden sich hier eine Drogerie, eine Backwaren-, Tabakwaren- und Blumenhandlung. Keine Ahnung wie. 1942 waren hier die Drogerie Ferdinand Fischer, Backwarenhandlung Graß, Tabakwarenhandlung Obermauer, Blumenhandlung Jakob Zillken, Möbelhandlung Erw. Greif, Lederwarenhandlung Witwe Hans Kröll, die um ca. 1973 in der   umzieht.

1973 gehörte das Haus den Erben Breidenbach, Zahnärztin Trautem. Breidenbach hatte hier ihre Praxis, ausserdem gab es die Leihbücherei Decker.

Aktuell sind hier der Juwelier Pirlant und seit sehr vielen Jahren schon das türkische Restaurant Simit Dünyasi.

Wilhelmstraße 51

 

Die Nr. 52 gab es schon seit 1900 und wurde im 2. WK zerstört. Der Nachkriegsbau gehörte seit mindestens 1951 Paul Wilden Elektroanlagen. Hier war die Zeitungsagentur von Anton Farner und 1962-1973  die P. Wilden Elektrohandlung. Seit 1973 führte Annelies Kröll eine Lederwarenhandlung, an die ich mich noch erinnern kann und wo ich auch mal eine Tasche gekauft habe. Seit einigen Jahren  ist hier das schöne Stoffgeschäft von Käthe Meyer.

Foto 3 von 1999 hat mir freundlicherweise das Nippes Archiv zur Verfügung gestellt. Der Hosenclub gehörte noch zur Neusser Str. 249, da ist jetzt der Coiffeur Sedat drin und “Hosenclub” steht noch auf dem Rollladen der Tür. <3 Hinter den Lederwaren Kröll kann man noch den Optiker Axmacher erkennen (daneben kann ich es nicht entziffern)

Schade um die ganzen schönen Leuchtreklamen.

 

Ich sprenge mal kurz die Hausnummernchronologie und mache erst die rechte Seite fertig, bevor es über die Christinastraße geht.

Die Nr. 54 gab es auch schon 1900. 1910-1920 war hier die Hauptagentur der Kölner Zeitung und Stadt-Anzeiger, 1920 die Buchhandlung von Frau Pütz; 1930 wohnten hier u. a.  die Konzertsängerin Selma Hedler, die Witwe und Köchin R. Odinius. Es gab eine Wäschereiannahme Pütz, und im 2. OG die Rheinische Backfett Gesellschaft Kluin & Co. 1939-1942 war im Erdgeschoss eine Bettwarenhandlung.

1953-1963 existiert das Haus nicht.

1964 gehörte der Neubau dem Handelsvertreter Herbert Schneider, der hier auch noch viele Jahre wohnte, aber 1965 gehörte es der Bausparkasse der Rheinprovinz, die hier eine Beratungsstelle hatte. 1966 gehörte das Haus dem Optikermeister Theodor Axmacher.  1969-1973 firmierte hier auch der Orly Textilhandel.

Ich erinnere mich noch an einen Schmuckladen, ein Tattoo-Studio und bis diesen Mai war hier sieben Jahre lang der Mooi Blumenladen. Links hat ganz frisch franofashion.cgn [Instagram] eröffnet und der Laden rechts steht zur Zeit leer.

Die Fassade wurde letztes Jahr saniert und seitdem ist leider auch die “Optik”-Leuchtwerbung verschwunden.

 

Schon 1900 war hier auf der Ecke das Kaiserliche Postamt, bis 1910 gehörte das Haus einem Herrn Fischer. 1920 gehört das Haus der Postverwaltung, 1930-1942 der Deutschen Reichspost. Seit 1953 hat sich die Hausnummer von Nr. 58-60 zu Nr. 56-60 geändert und gehört der Deutschen Bundespost; 1973 ist es das Postamt 60.

Im letzten Jahr hat sich die Postpost da rausgezogen und jetzt ist es nur noch die Postbank. Richtig blöd für manche Menschen, die einfach nur ein paar Briefmarken kaufen wollen.

Die Postkarte zeigt das Postamt 1902 – auch hier großen Dank an das Nippes-Archiv!

Wilhelmplatz

Wir machen einen kurzen Exkurs auf den Wilhelmplatz, der den ganzen Block zwischen Christina- und Auguststraße einnimmt.

Noch in den1870er Jahren gehörte das Areal zu einer Ziegelei und diente u. a. als Sandgrube. Im Jahre 1898, ein Jahrzehnt nach der Eingemeindung von Nippes nach Köln, erwarb die Stadt das Gelände und 1899 wurde dort ein Platz angelegt, auf dem ab dem 24. Juli 1900 ein regelmäßiger Wochenmarkt stattfand. Der Markt findet bis heute an jedem Werktag und Samstag statt – das ist einmalig für Köln. Seit 1960 findet hier immer am Weiberfastnachts-Donnerstag um 9:11 Uhr, die Eröffnung des Straßenkarnevals statt. Etwa einmal im Monat, immer sonntags, ist Flohmarkt auf dem Wilhelmplatz.

Die bisher letzte Renovierung und Umgestaltung des Wilhelmplatzes erfolgte im Jahre 1992. Im Zuge dieser Baumaßnahme wurde auch die bis dahin eher unansehnliche Toiletten-, Kiosk- und Trafoanlage auf der Nordseite des Platzes umgebaut zu einem skurrilen „multifunktionalen Gebäude“, das die Nippesser liebevoll “Tadsch Mahal“ nennen. Das sehr seltsame Gebäude ist ein Betonbau, der als eine Art Tribüne gestaltet war. Oben ist eine Terrasse, die allerdings, vermutlich aus Sicherheitsgründen, dem Publikum nicht mehr zugänglich ist.

Die Nippeser Bezirksvertretung beschloss 2001 den Pavillon zu verschönern. Ein Ideenwettbewerb wurde ausgeschrieben und im Sommer 2003 bemalte der Nippeser Künstler Rolf Jahn die Außenflächen des Gebäudes ganz zauberhaft (Thema: „Vögel der Welt“). Die Bemalung wurde mehrmals erneuert und ich fasse es nicht, dass ich kein Foto davon habe! Hier gibt es Foto davon im Nippes-Wiki.

Im Winter 2017/2018 wurde eine Betonsanierung des Bauwerks durchgeführt. Die vorher vorhandene Bemalung wurde vollflächig grau überstrichen. Shame on you, Stadt Köln!

ALLE INFOS NIPPES WIKI

Außerdem befindet sich hier der wunderbare Kaffee Kiosk [Instagram]. Auf dem Rollladen das Logo, das sich an den Jahn’schen Vögel orientiert.

Foto 5, 1927: Historisches Archiv mit Rheinischem Bildarchiv (RBA-158075)

Auf dem Foto kann man sehen, dass sich damals schon an der Nordseite des Platzes eine Bedürfnisanstalt gab. In dem Eckhaus in der hinteren Bildmitte – Christina- Ecke Viersenerstraße – ist heute der Gut Unverpacktladen.

Christinastraße

Die Nr. 53 war 1900 ein Neubau ohne Nummer und war seit 1902 und mindestens bis 1973 im Besitz der Familie Bolder. Seit 1902 war hier auch die Weinhandlung Bolder, später Bolder Paul Söhne GmbH Weinhandlung – seit 1957 Kleefisch & Co. Spirituosen. Seit 2024 führt Olivier Marceau das Geschäft. Zu empfehlen ist hier neben den guten Weinen auch die große Gin Auswahl und wie mir zugetragen wurde, auch das Whisky Sortiment.

Weinhandlung Kleefisch, Wilhelmstraße 53

 

Die Nr. 55 existierte seit 1900. 1920 wohnten hier der Orgelstimmer Eugen Bauer und der Musiker Josef Knobloch. 1930 war hier eine Verkaufsstelle der Butterhandlung Ludwig Creutz GmbH. 1939-1942 befand sich hier die Schreinerei von Wilhelm Kierdorf und eine Verkaufsstelle der Rhein.-Berg. Verbrauchergenossenschaft “Hoffnung”.

Vor dem Haus liegen 15 Stolpersteine. Hier war vermutlich ein Ghettohaus, wo Jüdinnen und Juden bis zur Deportation untergebracht wurden.

1953 existieren Nr. 55 und 57 nicht. 1962-1973 war hier das Friseurgeschäft H. Huhn. Bis letztes Jahr war hier die Uhlen Apotheke, dann gab es einen Eigentümerinnenwechsel und jetzt ist es die Flora Apotheke, wo es Cannabis auf Rezept gibt. Und wenn man den Laden betritt, riecht es sehr gut.

 

Auch die Nr. 59 entstand 1900. 1910 gehört das Haus dem Rentner Gierath und hier befand sich eine Verkaufsstelle der Metzgerei Gierath sowie die Molkerei Peter Schäfer. 1920 führt Peter Floßbach eine Schenkwirtschaft und Bertha Schmolke eine Zuckerwarenhandlung. 1939-1953 führt Johann Deutsch die Schenkwirtschaft, Josef Thur eine Metzgerei. 1962 führt Witwe G. Deutsch die Gaststätte, 1973 Herbert Künnemann.

Das Reisebüro gibt es schon seit mindestens 1995, wo es sich das Ladenlokal mit dem Juwelier Pirlant teilte (jetzt Wilhelmstr. 51). Ebenso und bis mindestens 2022 (Google Streetview) der Bazar Kebap. Seit ein paar Jahren ist die Situation etwas undurchsichtig. Es kündigt sich immer mal was an, dann passiert aber nichts, aktuell wird wieder mal umgebaut. Nachdem ich das geschrieben und gepostet hatte, prangte wenige Tage später das Logo über der Tür. Nippes bekommt also demnächt die gefühlt 689. Döner-Gastro.

Foto 4 mit freundlicher Genehmigung vom Nippes Archiv.

Auguststraße

1900 reichte die Bebauung links bis zur Nummer 61, also kurz hinter der Auguststraße und rechts bis Nr. 62, die zu diesem Zeitpunkt noch unbewohnt war.

Die Nr 61 auf der Ecke Auguststraße war 1900 also das letzte Haus auf dieser Straßenseite.

Seit 1920 ist hier eine Schenkwirtschaft. 1920 von Peter Winterscheid, ebenso die Etuifabrik von Frau Landen. Ab 1930 gehörte das Haus W. Kamerichs, der von 1939-1952 auch die Gaststätte führte. Ab 1953 führte sie Jakob Becker. 1962 ist W. Kamerichs Rentner, Witwe Maria Becker führt die Gastwirtschaft, 1964-1970 Jakob Gohr, 1971 bis mindestens 1973 Rosemarie Bienenstein.

2018 übernahm das Restaurant “Willie Tanner” mit baskischer Küche die Kneipe “Wilhelmseck” und schloss 2023 wieder. Danach war es mal kurz mexikanisch, seit Februar 2025 ist hier das “Cabinett”.

 

Ab der Auguststraße wird die Wilhelmstraße ein bisschen uninteressant. Nur noch Mietshäuser, kein Gewerbe. Kein Gewerbe? Huch, auf dem Foto, das mir das Nippes Archiv zur Verfügung gestellt hat (ich tippe auf 80er/90er Jahre), ist eine große Tapeten-Werbung zu sehen. Und überhaupt, sieht es da ganz schön wild aus.

1973 findet sich im Adressbuch die Tapetenfabrik Werner Michels in der Nr. 67. Von einem Baum vor dem Kompressol Ölwerk ist da noch nichts zu sehen.

 

1910  ist die Straße bis zur Merheimer Str. angelegt, auf der linken Seite fast bis zum Ende bebaut (Nr. 85), auf der anderen Seite nur bis zur Nr. 66, Ecke Kempener Straße. 1920 ist die Bebauung rechts erst bis zur Nr. 72 an der Siebachstraße erfolgt. Zwischen August- und Siebachstr. stehen noch ein paar hübsch hergerichtete Gründerzeit- und Jugendstilhäuser Nr. 62-72.

 

Die Nr. 78 ist das letzte Haus auf der rechten Seite. Nur 1953-1960 gab es mal eine Nr. 80: die Kohlenhandlung Adolf Hoguth und zwischendurch eine Fischhandlung Witwe Christ. Müller.

Merheimer Straße Ecke Wilhelmstraße

 

Die Nr. 85 ist bis 1942 das einzige Haus zwischen Siebachstr. und Merheimer Str. auf dieser Seite. 1910 gehörte das Haus Freiherr Egon von Dalwigk aus Lichtenfels (1915 Baron), 1920-1930 den Erben Egon von Dalwigk. Es wurde im Krieg zerstört, erst 1960 entstand ein Neubau.

1916 wohnte hier der Tagelöhner Heinrich Fey, zwischen 1920-1939 war er Fabrikarbeiter. 1942 wohnt hier die Witwe Heinrich Fey.

Vor dem Haus liegt ein Stolperstein für Elly Fey. Ich vermute, sie war die Tochter von Heinrich. Sie war Arbeiterin bei den Rheinischen Draht- und Kabelwerken in Köln-Niehl. 1937 wurde sie wegen ihres Bekenntnisses zur Internationalen Bibelforscher-Vereinigung (später Zeugen Jehovas) und der Verteilung von Flugblättern verhaftet. Nach der Verbüßung einer zweijährigen Gefängnisstrafe in Köln, wurde sie in das Frauen-KZ Ravensbrück gebracht. Dort wurde sie Ende April 1945 befreit und kehrte zurück nach Köln, wo sie 1979 starb.

Ihre ganze Geschichte findet ihr auf der Wikipedia-Seite zu den Stolpersteinen in Köln.

 

Zum Abschluss noch einmal durch die Wilhelmstraße, mit einem Schuß von jeder Querstraße – und am Ende ein Blick zurück.

Es war mir eine große Freude, die Wilhelmstraße in Nippes zu porträtieren. Ich habe wieder so viel Interessantes herausgefunden und gelernt, dass mir die Straße in der Zeit richtig ans Herz gewachsen ist.

 

 

 

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