In Köln mit dem Rad zu fahren bedeutet ja, jedes Mal sein Leben aufs Spiel zu setzen. Ich hatte innerhalb von wenigen Wochen zweimal die exakt gleiche Situation an der gleichen Stelle: Beampelte Kreuzung, es ist Grün und ich möchte geradeaus fahren. Die entgegenkommenden Autos möchten links abbiegen, aber ich habe ja Vorfahrt. (Hahaha)
IMMER will einer der Linksabbieger noch ganz schnell vor mir abbiegen.
Erste Situation: der dahinter fahrende Wagen hat mich definitiv nicht gesehen und will wie ein Lemming auch links abbiegen, sieht mich im letzten Moment – wir befinden uns mitten auf der Kreuzung – ich sehe den Schreck in seinem Gesicht und er macht einen krassen Schlenker nach rechts. Aus mir kommt ein lautes “Ey!”, denn ich habe einen abrupten Adrenalinpegel. Er: “Halt die Fresse”.
Wenige Wochen später, der erste Wagen biegt wieder ganz knapp vor mir ab, der Wagen dahinter rollt, rollt weiter, bremst nicht – wir befinden uns mitten auf der Kreuzung – er bremst nicht und ich so “Ey!”. Er: „Halt die Fresse du Fotze.”
Tja.
Es sind immer Männer. Und ich bin schockiert, wie leicht den Typen diese Worte über die Lippen kommen.
Und ich frage mich, was will mir das Leben damit sagen?
Ich sollte nicht mehr Fahrrad fahren?
Ich sollte jetzt endlich mal die Fresse halten?
Ich sollte immer schweres Gerät mit mir führen, damit ich angemessen reagieren kann?
Luisa Neubauer sagte neulich in einer sehr starken Rede: “Sehr viele Männer da draußen haben längst nicht begriffen, was für ein unglaubliches Glück sie haben, dass wir einfach nur Gleichberechtigung wollen und keine Vergeltung.”
Ich bin eine ältere, weiße, privilegierte Frau – und es gibt Tage, da bin ich froh, keine junge Frau mehr zu sein – und es gibt Momente, da kotzt mich dieser patriarchale Mist (und die Liste ist lang) so dermaßen an – da scheint mir Vergeltung durchaus eine Option zu sein.
PS: Gesten ist genau an der Keuzung ein Unfall mit einem abbiegenden Auto passiert. Ob mit Fahrradfahrer oder Fußgänger, weiß ich nicht, aber großes Aufgebot an Polizei und Rettungswagen. 🙁
PPS: Gerade sehe ich, dass es eine Petition gibt, die „fordert, das Strafgesetzbuch und die Richtlinien für das Strafverfahren und das Bußgeldverfahren (RiStBV) bei Straftaten von Autofahrenden gegen Radfahrende und zu Fuß Gehende so zu ändern, dass Autogewalt regelmäßig verfolgt wird, indem die Staatsanwaltschaften das „öffentliche Interesse“ an der Strafverfolgung bejahen, anstatt wie bisher auf den Privatklageweg zu verweisen.“ Kann man noch bis zum 11.8.2026 mitzeichnen.
Eine andere Sache, die mich im Kontext mit Autos total kirre macht und die auch immer öfter vorkommt, ist, bei laufendem Motor im geparkten Auto zu sitzen. Es macht Lärm, Dreck und Hitze. Ich bitte die Leute dann gerne mal, das sein zu lassen und weise ggf. blockwartmäßig darauf hin, dass das eine Ordnungswidrigkeit ist, die 60 € kostet. Da wurde mir auch schon mal ein “Du Hure” an den Kopf geworfen.
Vor einigen Tagen vor dem Lädchen. Ein Typ sitzt im Auto, telefoniert und raucht bei runtergelassener Scheibe. Ich komme streng blickend aus dem Lädchen und er weiß sofort Bescheid, entschuldigt sich und macht den Motor aus. Ein paar Minuten später kommt er in das Lädchen und entschuldigt sich nochmal. Alles fein.
Etwas später, das nächste Auto mit laufendem Motor in der Parkbucht vor der Tür. Eine junge Frau im fetten SUV muss noch im Auto ihr Eis essen. Ich wieder mit strengem Blick raus, mache mit der Hand eine Bewegung, sie stellt sofort den Motor aus. Ich danke mit Daumen hoch.
Merke: Die vermeintliche Chefin vom Lädchen hat mehr Autorität als eine Passantin.
Schauspielen
Eigentlich gibt es unser Ensemble Bühnlein brillant ja gar nicht mehr. Anfang 2020 steckten wir mitten in einer Produktion und wegen Corona haben wir das Proben dann irgendwann abgebrochen und wir sind nie wieder in die Puschen gekommen. Aber wir sind immer noch in Kontakt, treffen und verabreden uns in unterschiedlichsten Konstellationen und feiern zusammen. Robert und Christiane sind schon länger in anderen Schauspielgruppen, Andreas macht weiterhin Improtheater, Rosa singt in drei Chören und Julia wandert demnächst aus. Ich hatte lange gar keine Lust mehr, was zu machen.
Als wir neulich zusammen gefeiert haben, kamen wir auf die Idee, noch einmal zusammen ein Schauspieltraining zu machen. Wir haben dann quasi eine offene Gruppe im Studio 11 gekapert. Das hat so viel Spaß gemacht und war so schön! Jetzt bin ich doch glatt wieder auf den Geschmack gekommen.
Tuppenhof
Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf den Tuppenhof aufmerksam geworden bin, vor zwei Jahren war ich da schon mal. Es ist ein Hof in der Nähe von Kaarst, ursprünglich aus dem 18. Jahrhundert, der bis in die 1970er Jahre bewirtschaftet wurde und durch eine Bürgerinitiative in den 1990er Jahren wieder aufgebaut, restauriert und zu einem Museum für bäuerliche Geschichte und Kultur umgewandelt wurde.
Der Hof hat einen wunderschönen Garten und einmal im Jahr gibt es in der Scheune eine Jahresausstellung. Vor zwei Jahren habe ich da die wunderbaren Arbeiten von Margarete Schopen-Richter entdeckt. Sie wurde in Immerath/Otzenrath geboren, einem der Orte, der für den Braunkohletagebau Garzweiler II vernichtet wurde. Sie ist für ihre künstlerische Arbeit dorthin zurückgekehrt und hat, als es die Orte noch gab, aber die Menschen schon weg waren, Dinge gesammelt und baut daraus wunderschöne, berührende Assemblagen. Sie hat zu diesen Arbeiten auch ein ganz wunderbares Buch gemacht: Jömmich nee und das konnte ich jetzt glücklicherweise noch im Shop des Tuppenhofs erwerben.
Sehr zu empfehlen ist auch der Käsekuchen vor Ort.
Ach ja, Jahresausstellung, warum ich jetzt überhaupt wieder hingefahren bin: Es ist eine Ausstellung zum Thema Freiheit, die mich aber nicht so überzeugt hat. Aber ganz reizend finde ich die Ausstellungsgestaltung, die mit ganz einfachen Mitteln und sehr liebevoll gemacht wird. Großgezogene Fotos auf Stoff werden mit Wäscheklammern an Wäscheleinen aufgehängt, oder die Szenografie zum Thema Familienfeiern, wo eine lange Tafel eingedeckt war und die Texte zu den verschiedenen Feiern auf Karton gedruckt wurde, der wie Stoffservietten aussah.
Sonst noch
Ansonsten hat mich das Projekt Straßen aus Zucker Köln [Instagram] sehr mit Beschlag belegt. Wie schon mal vor vier Jahren, habe ich für den Übernahme-Account einen Monat lang eine Straße in Köln portraitiert. Ein sehr langer Blogpost wird noch folgen.
Dann waren da noch ein paar Verabredungen zum Essen mit freundlichen Menschen, ein Geburtstagsbrunch, ich habe ein ganzes Wochenende mit dem Gucken der Deutschen Leichtathletik Meisterschaft auf dem Sofa verbracht und ich habe meine kleine Nuckelpinne, die jetzt quasi ein Youngtimer ist, nochmal fast anstandslos über den TÜV gekriegt. Jippie, möge sie noch lange schnurren.
Seit Ewigkeiten war ich mal wieder im Kino und habe mit vier Freundinnen den Dokumentarfilm Was haben wir gelacht gesehen. Sehr zu empfehlen.
Wir waren danach alle erschüttert, dass wir den Sexismus und die Misogynie damals gar nicht so wahrgenommen haben. So wie es auch die Frauen in der Doku sagen: Es war einfach normal.
Und heute guckt man sich die Ausschnitte dieser Fernsehsendungen an und ist einfach nur entsetzt.
Serien
Ich habe ziemlich viele Serien weggebingt. Von ganz gut bis sehr schlecht, die ich dann nach einer Folge oder so abgebrochen habe (u. a. Ridley, The Forsytes, Beef).
Zwei Serien fand ich super: Tage, die es nie gab, da hatte ich vermutlich 2023 schon die erste Staffel gesehen und nun entdeckt, dass es zwischenzeitlich eine Zweite gibt. Und weil ich ja alles wieder schnell vergesse, kann ich das dann gut nochmal sehen. Die österreichische Produktion ist sehr gut und spannend gebaut und punktet mit interessanten und starken Frauenfiguren. Die zweite Staffel hat allerdings Längen und driftet ein bisschen ins Unglaubwürdige ab.
Prisoner, eine spannende britische Action-Serie mit interessanten Figuren und gutem Plot. Es gibt, glaube ich, kein Land, in dem Filme und Serien diverser bestzt werden, das mag ich. Noch bis zum 19.06.2027 in der ARD-Mediathek.
Erwähnen möchte ich noch Schwarzes Gold, wo ich den Plot so interessant finde: Es geht um Ölfunde in der Lüneburger Heide um 1900. Irgendwas zwischen Heimatfilm und Western. Für eine deutsche Serie richtig gut produziert und mit starken Schauspieler*innen. Allerdings kann man die ganze Zeit dran fühlen, dass das in einem Freilichmuseum gedreht wurde und noch nie hat mich Film-/Serienmusik so schlimm genervt. Noch bis zum 22.12.2027 in der ARD-Mediathek.

Schön. DANKE.
Deine Beobachtungen sind mal wieder ganz schön lesenswert. Und ja, es macht mich manchmal auch echt sauer, dass das patriarchale Verhalten gesellschaftlich so anerkannt ist. L