Seid ihr auch schon mal durch eine Gemäldegalerie gegangen und habt auf immer das gleiche Detail geachtet? Hände, Füße, Kleidung, Schmuck oder Architektur? In der Kunsthalle Karlsruhe läuft noch bis zum 12. April 2026 die Ausstellung “Archistories. Architektur in der Kunst”.
Die Ausstellung setzt sich aus Werken der eigenen Sammlung in Kombination mit zeitgenössischen Arbeiten zusammen. Rund 100 Werke von 70 Künstler*innen aus fünf Jahrhunderten sind zu sehen. (Weil sich die zeitgenössischen Künstler*innen alle in der Unsichtbarkeitsmaschine aka VG Bild Kunst verstecken, kann ich die natürlich leider nicht zeigen)
Es gibt mehrere Sektionen, die sich mit einer bestimmten Architektur oder einem bestimmten Thema befassen. Je nach Richtung, in der man durch die Ausstellung läuft, beginnt oder endet es mit Gebäuden, die wir im Alltag eher selten wahrnehmen, nämlich Kerkern und Gefängnissen. Eine Zeichnungen von Giovanni Battista Piranesi, die er als Teil einer Serie 1750 als 30-jähriger publizierte, zeigt eine albtraumhafte, surreal und escher’esk erscheinende Darstellung von einem brutalen Kerker. Demgegenüber steht eine Arbeit von Nicola Daubanes, die direkt von Piranesis Zeichnungen inspiriert zu sein scheint und in einer interessanten Technik hergestellt ist. Eine magnetische Platte wird in Teilen zeichnerisch entmagnetisiert und mit Eisenpulver gestreut, was dann nur an bestimmten Stellen haften bleibt. Das Eisenpulver wurde zum Teil aus Gefängnistüren hergestellt.
Zu Piranesi gibt es noch einen spannenden Neuzuschreibungs-Krimi. Die Kunsthalle besitzt Klebealben mit Zeichnungen, die bis 2015 Friedrich Weinbrenner zugeschrieben waren. Ein 19-jähriger Praktikant stellte dann irgendwann die richtigen Fragen und daraus ergab sich ein umfangreiches Forschungsprojekt, aus dem sich ergab, dass die Zeichnungen nun Piranesi zugeordnet sind. Das ganze kann man hier nachvollziehen.
Eine weitere Sektion beschäftigt sich mit den transitorischen Räumen: Brücken,Treppen und Plätzen. Hier spielt dann zum Teil schon die Industrialisierung mit rein, neue Konstruktionsmöglichkeiten durch Stahl und Beton, neue Typen von Bauten und Stadtansichten, Fabriken, rauchende Schlote, die Eisenbahn.
Das führt dann natürlich weiter in die Sektion Industriearchitektur. Hier gefiel mir besonders gut eine Zeichnung von Vincent van Gogh, der 1882 im Auftrag Ansichten von Den Haag zeichnen sollte. Unter anderem zeichnete er auch eine Fabrik, aber nicht die repräsentative Vorderseite, sondern die nicht so repräsentative Rückseite mit der strubbeligen, unaufgeräumten Umgebung. Ich stieß erst neulich auf einer Fotoplattform auf einen britischen Fotografen, der sich mit den “B-Sides” auf die Rückseiten von Gebäuden konzentriert.
Architektur und Macht ist auch ein interessantes Thema. Natürlich denkt man sofort an Monumentalbauten, machtgeile Typen, die sich ihre architektonischen Denkmäler setzen lassen, Unternehmen, die “angemessen” residieren müssen und natürlich die faschistische Architektur der 1930er Jahre. Hier gibt es eine sehr gute, inhaltsschwere Zeichnung/Collage von Rudolf Dischinger von 1935/1936, die den eine Treppe herabschreitenden Benito Mussolini zeigt, ein anatomische Darstellung von schreitenden Beine und verschiedene architektonische Versatzstücken.
Auch die Fotos von Günther Förg, der in den 1980er Jahren begann, Architektur des 20. Jahrhunderts zu fotografieren. Es sind ein paar Fotos seiner Serie zur italienischen Architektur des Faschismus zu sehen, die er menschenleer, düster und verschattet zeigt. Eine Auseinandersetzung mit dieser Epoche und der Architektur findet in Italien wohl kaum statt. So steht zum Beispiel der Palazzo della Civiltà Italiana, in Rom in einem neu errichteten Stadtviertel, in dem 1942 die Weltausstellung hätte stattfinden sollen und das der Verherrlichung des italienischen Faschismus diente. Die Kuratorin Kirsten Claudia Voigt, die mich durch die Ausstellung führte, erzählte, dass dort seit 2015 Fendi residiert, die Fassade gerne fröhlich bunt illuminiert und auf der Terrasse lustige Partys feiert. Aber man kann mit den Dingen ja immer so und so umgehen.
Was bleibt, was geht?
Eine Sektion widmet sich Ruinen. Da sind zum einen die romantisierenden Gemälde, wo sich Menschen in römischen oder griechischen Ruinen bewegen, mit Blick auf weite Landschaften. Aber das Thema Verfall ist immer impliziert. Was bleibt, was verschwindet, was wird abgerissen oder in Kriegen zerstört? Das Video “Le Platz” von Laurent Goldring von 2015 zeigt in unkommentierten Bildern, wie ein Roma-Hüttendorf in einer Pariser Vorstadt von einem Bagger abgerissen wird. Zu Beginn sieht man noch Bewohner*innen, die letzten Habseligkeiten retten. Bei den Bildern musste ich an den poetischen und herzzerreißenden Film Slow Violence von Joanie Lemercier über den Abriss von Natur und Dörfern im Hambacher Forst denken.
Oder das Gemälde von Erwin Spuler, das eine kriegszerstörte Stadt aus der Vogelperspektive zeigt. Wir kennen die Luftaufnahmen von nach dem 2. Weltkrieg, die die zerbombten Großstädte zeigen und ich dachte, die gehören zum kollektiven Gedächtnis. Kirsten Claudia Voigt erzählte, dass sie bei Führungen immer wieder sehr emotionale Reaktionen von Besucher*innen erfährt, wenn es um dieses Bild geht. Vielleicht, weil es leider immer auch aktuell ist, wenn wir an Bilder aus Syrien oder der Ukraine denken.
Zuhause
Die Sektion über Daseinsräume und Häuser an sich sind u. a. herrliche architektonische Utopien wie Wittgensteins’s Cabin 10 (Das Keyvisual der Ausstellung und Titelbild des Katalogs) von Dionisio González oder die verspielten, augenzwinkernden Modelle von Stephen Craig zu sehen. Videos von Judith Hopf, die sich humorvoll mit der Architektur in Städten auseinandersetzen, oder die Objekte von Axel Lieber, der aus Pappverpackungen und Comics sich durchdringende Architekturmodelle baut.
Weil ich neulich erst „Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary“ von Florian Illies gelesen habe, sprang mich auch das Video “1550 San Remo Drive” von Niklas Goldbach an. Das Buch beschreibt das Jahr 1933, in dem diese verrückte Familie Mann von München erst in die Schweiz, dann nach Frankreich emigrierte. 1938 zogen sie endgültig in die USA und Thomas Mann ließ sich von dem Architekten Julius Ralph Davidson ein Anwesen an o. g. Adresse in Kalifornien bauen, das die Familie 1942 bezog und dort knapp 10 Jahre lebte. 2016 stieß Nikla Goldbach auf eine Immobilienanzeige, in der das Haus, ohne die ehemaligen Bewohner*innen oder den Architekten zu erwähnen als Abbruchobjekt zum Verkauf stand. Das Video zeigt das Haus und den Garten in ruhigen Bildern, darüber laufen der Text der Verkaufsanzeige und Auszüge aus Thomas Manns Tagebüchern.
“Die erste Nacht im neuen Schlafzimmer unter der eigenen seidenen Decke gut verbracht.”
(Das Haus wurde 2026 vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland gekauft und ist nun eine transatlantische Begegnungsstätte.)
Es gab noch Sektionen zu Architektur und Bühne, zu Innenräumen und Details wie Wand und Fenster (Hallo #Fensterdienstag ), alles super interessant, wenn ihr da mehr lesen wollt, es gibt einen umfassenden und sehr guten Katalog.
Da die Kunsthalle zur Zeit und wohl noch eine ganze Weile lang saniert wird, wird die Ausstellung in der hübschen, frisch sanierten Orangerie gezeigt. Gleich im im Eingangsbereich steht eine Arbeit von Henrique Oliveira: Ein künstlich hergestellter Baumstamm, aus dessen Inneren eine gemauerte Säule ragt. Dieser Stamm steht zwischen zwei runden Säulen der Orangerie und wenn man sich etwas seitlich stellt, hat man einen Blick durch die große Glastür auf einen Mammutbaum, der da im Garten steht. Das korrespondiert alles ganz herrlich miteinander.
Beim Eintritt in den Ausstellungsraum ist man zuerst mit der großen Installation “Unter Tage” von Julia Oschatz konfrontiert. Sie hat ein Video in dieser Kulisse gemacht, in der sie selber agiert. Die schwarz-weiße Kulisse wirkt comic-artig und verbirgt durch Bemalung eine optische Täuschung, denn zuerst sieht man nicht, dass sich in dem Raum eine Treppe und eine Schräge befinden. Die maskierte Figur bemalt die Wände, geht rechts aus dem Raum heraus und krabbelt links wieder herein. Sie ist kafkaesk in dem Raum gefangen. Die Maske erinnerte mich ein bisschen an die Bauhaus-Masken oder an die von Lavinia Schulz und Walter Holdt. Die Arbeit ist so komplex und poetisch, schaut euch gerne das Video an.
Studierende der Musikhochschule Karlsruhe haben zu acht Bildern Klangräume kreiert, denn Bauten und Innenräume sind nicht nur visuell, sondern auch akustisch erfahrbar. “In Form von Klangwelten, Geräuschkulissen und musikalischen Inventionen erweitern die Studierenden die architektonischen Installationen und Werke um eine sinnlich-auditive Dimension.” Das ist richtig gut gelungen. Ich habe mir das erst später auf dem heimischen Sofa angehört, vor Ort sind die Sounds per QR-Code abrufbar.


Danke, liebe Ute,
für das Mitnehmen in diese schöne Ausstellung. Als Archilover-Girl freut mich das Thema natürlich besonders.
Oh, das klingt nach einer wirklich spannenden Ausstellung – und danke für den Seitenhieb zu VG Bild. Ich durfte jüngst ziemlich viel der raren Arbeitszeit verbringen, sämtliche Bilder von einst im Museum gezeigten Kunstwerken aus diesem Internetz zu entfernen, damit VG Bild uns verschonen möge…
Und Piranesi entdeckte ich in der Tat neulich erst mit der arte Doku, jetzt tauche ich nochmal ein, Danke!