Statt Monatsrückblick gibt es heute einen kleinen Rant. Das ist hier eigentlich nicht üblich, es ist ja ein Kulturblog. Aber die ganze Sache fasst mich so an und geht mir nicht mehr aus dem Kopf.
Es ist verrückt, auf Mastodon – und meine Bubble ist da schon ziemlich linksgrün und in großen Teilen weiblich – findet die Causa Fernandes/Ulmen und die daraus resultierende Wut und Empörung fast nicht statt, während mein offensichtlich sehr feministisches Instagram geradezu explodiert.
Ich habe da in den letzten Tagen viel gedoomscrolt und mir einige Statements von Männern zum Fall Fernandes/Ulmen angehört. Darunter viele Influencer und irgendwie Prominente mit großer Reichweite – die ich alle nicht kenne – deren Reels viele, viele Herzen bekommen haben.
Manche Statements troffen vor Betroffenheit, andere fand ich gut und stark und ich möchte das alles glauben, bei manchen schwebte mein Finger schon über dem Teilen-Button.
Gut gefallen hat mir die Wutrede von Johnny Häusler auf seinem Substack Newsletter. Sehr ausführlich, fundiert und mit Quellen hinterlegt. Und obwohl ich ihn persönlich nicht kenne, vermittelt er mit seiner Arbeit für die re:publica und Tincon seit vielen Jahren eine Haltung, die ihn glaubhaft macht. Aber man kann ja jedem nur vor den Kopf gucken.
Und ich möchte jetzt keine Statements von Männern teilen. Wenn ihr das lesen möchtet, googelt es.
Kati Krause, die Leiterin des Newsroom beim Tagesspiegel spricht mir mit allem aus der Seele.
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Das Fass ist übergelaufen.
Jahrhunderte lange strukturelle Herabsetzung und Gewalt gegen Frauen. Weinstein, Trump, Epstein, Gisèle Pelicot, ein Horror nach dem anderen. Und wenn man denkt, schlimmer kann es nicht mehr werden, wird es noch schlimmer. Daneben all die Fälle, die nur als Randnotizen auftauchen, weil Täter und Opfer nicht prominent sind, die große Dunkelziffer (maximal 10% der sexualisierten Gewalttaten werden angezeigt) – meine Fassungslosigkeit und Wut werden immer größer und wissen gerade nicht wohin.
Liebe freundliche Männer, es ist gerade sehr schwer, euch zu mögen und zu vertrauen.
Ich brauche keine Betroffenheitslyrik und möchte keine Lippenbekenntnisse hören, sondern Taten sehen. Es braucht eine grundlegende, strukturelle Veränderung, so wie der 10-Punkte-Plan der kürzlich von Ricarda Lang, Düzen Tekkal und Kristina Lunz initiiert wurde. Neben besserer und schärferer Gesetzgebung und strukturellen Veränderung, die wir durch zivilgesellschaftliche Forderungen an die Politik stellen, erwarte ich einen Aufschrei aller Männer, die “alle nicht so sind”. Volle Solidarität! Jeden Tag! Rund um die Uhr! Im Alltag, in allen Firmen und Unternehmen, auf der Straße, in der Politik, in den Medien, in Vereinen, in Kneipen. Schon der dümmste Spruch muss geächtet werden.
Und das lässt sich dann nur daran messen, wenn sich Statistiken von männlichen Gewalttaten, Femiziden, Vergewaltigungen, misogynen Ereignissen, Gender (Pay) Gap, etc. dramatisch nach unten bewegen.
Das wird sich in den nächsten Monaten und Jahren zeigen.
PS: In einem ganz anderen Zusammenhang hörte ich neulich von Anne Brorhilker folgenden Satz: Zivilgesellschaftliches Engagement hilft. Also, unterschreibt Petitionen, schreibt Abgeordnete an, geht auf die Straße, streikt, protestiert, seid laut.
Menschen, die kluge und denkanregende Dinge zum Thema gesagt haben
(Möglicherweise ergänze ich das fortlaufend)
Diese Ausgabe des Podcasts They Talk Tech – mit Eckert und Wolfangel
Leider ist ja alles ein alter Hut – hier geht es u. a. um die Verantwortung der Plattformen, dass Bigtech am Vertrieb solcher Tools mitverdient und Lücken und Schwachstellen in der Justiz. Sehr interessant ist hier auch das Gespräch mit Ingrid Brodnig.
Mit Frau Bosetti bin ich nicht immer d’accord, aber hier schon
Bosetti will reden
Liebe Ute, ich bin da vollkommen bei dir. Mich fasst das auch an und ich sehe ganz klar das strukturelle Problem. Es bringt gar nichts, sich jetzt an einem Fall (irgendwie stört mich da auch die Mediengeilheit, weil es halt zwei deutsche Promis sind) abzuarbeiten. Es geht um das ewige Machtverhältnis, was sich weiter manifestiert. Und leider auch in unserer derzeitigen Regierung genau das tut: Männliche Dominanz manifestieren. Ich weiß auch nicht, was tatsächlich etwas bringt. Wir beide wissen ja noch ganz genau, wie das war mit der Emanzipationsbewegung (ich hatte eine lila Latzhose!!!!!). Aber gefühlt bewegen wir uns rückwärts. Warum ist das so gelaufen, wie es gelaufen ist. Auch mit der ganzen Diversitätsbewegung? Ich bin ratlos. Danke, dass du mal ein Fass aufgemacht hast und da ein paar Statements gesammelt hast. Wo könnte man die wichtigen Debatten führen? Ach ja, es ist gerade richtig schwierig.
Es geht ja so vielen so. Und diese Rückschritte seit einigen jahren sind einfach unsäglich.
Vielleicht muss der seit Jahrzehnten geführte Kampf noch lauter und noch radikaler werden. Ich finde, der Frauenstreik am 9.3. war eine gute Maßnahme. Wenn der im nächsten Jahr dann vielleicht auch flächendeckend stattfindet … Ansonsten müssen wir noch lauter werden.